Afghanistan, die Paschtunen und Mediation – Teil 2

Gepostet von am Sep 9, 2013 | Keine Kommentare

Afghanistan, die Paschtunen und Mediation – Teil 2

Wie kam es zu dem Interview mit den paschtunischen Jirga-Ältesten?

Mediation kann, wenn sie der menschlichen Grundethik entspricht, in jedem Kulturkreis angewandt werden. Deshalb ist diese Möglichkeit auch im Kulturkreis der afghanischen Paschtunen gegeben.
Um in der Praxis einen genaueren Einblick in die Arbeit der Jirga-Ältesten zu bekommen und eine Grundlage zur persönlichen Annäherung und zum Erfahrungsaustausch zu schaffen, habe ich dann in Afghanistan im Sommer 2012 ein Interview mit drei paschtunischen Jirga-Ältesten durchgeführt.

Die Stammesältesten werden Spin Giri (weiße Bärte) genannt. Innerhalb des Stammes sind sie die höchsten Respektspersonen. Eine Jirga wird gewöhnlich aus Spin Giri zusammengesetzt.
Mein Interview fand in Kabul statt. Ich wartete drei Tage mit Spannung auf das Erscheinen meiner Interviewpartner. Im Gespräch teilten sie mir dann mit, dass es durchaus Kräfte in Afghanistan gibt, die mit einem solchen Interview nicht einverstanden sind. Ich konnte mir entsprechende Kräfte auf jeden Fall vorstellen und war sehr froh über die Gesprächsbereitschaft dieser Männer.

Ergebnisse des Interviews über die Jirgas

  • Jirgas finden immer statt, wenn es ein Problem gibt.
  • Jirgas können von jedem männlichen Mitglied eines Stammes in Anspruch genommen werden.
  • Frauen können auch an einer Jirga teilnehmen, wenn sie keinen männlichen Vertreter in ihrer Familie haben.
  • Es gibt kein theoretisches, definiertes Konzept.
  • Sie dauern so lange und finden so oft statt, bis alle mit der Entscheidung glücklich sind.
  • Es gibt verschiedene Arten von Jirgas.
  • Jirgas sind nach außen offen – auch Fremde können teilnehmen und einen Beitrag leisten.
  • Lösungsfindung von allen Beteiligten ( auch den nicht an einem Konflikt beteiligten).
  • Die endgültige Entscheidung wird von den Jirga-Ältesten getroffen.
  • Die Ergebnisse werden von allen anerkannt.

Weitere Einzelheiten über das Ergebnis des Interviews über die Jirga-Ältesten finden Sie auch in dem von mir geschriebenen Artikel in der  Zeitschrift “Spektrum der Mediation” (erschienen beim Bundesverband Mediation). 

 

Möglichkeiten einer Kooperation zwischen einem Jirga-Ältesten und westlichen Mediatoren

Diese vorläufigen Ergebnisse können natürlich nur einen kleinen Einblick geben. Es sind jedoch noch viele weiteren Fragen offen geblieben.

Eine davon ist die der Aus- oder Weiterbildung von Jirga-Ältesten zu Mediatoren oder vielleicht auch die Weiterbildung von Mediatoren zu Jirga-Ältesten. Eine Basis dafür könnte sich aus einer längeren Kooperation zwischen einem Jirga-Ältesten und einem Mediator/in entwickeln. Dazu müssen jedoch in Zukunft von beiden Seiten schon bestehende Strukturen in Frage gestellt werden dürfen.

Auf Seiten der westlichen Welt mit ihrem wissenschaftlich strukturiertem Denken, in dem es oft keinen Platz mehr gibt für etwas Neues oder Anderes, dass nicht der westlichen Norm entspricht. Denn wie könnte es sein, wenn ein Jirga/Ältester, der nicht lesen und schreiben kann Mediation lernen möchte? Kann die westliche Welt akzeptieren, dass es auch andere Arten von Lernen und Lehren als auf intellektueller, wissenschaftlichen Basis gibt? Oder dürften vielleicht sogar nur Jirga-Älteste mit Universitätsabschluss Mediatoren werden? Wie viele dieser alten weisen Männer würden dafür in Frage kommen?

Inwieweit sind die westlichen Mediator/innen lernbereit, flexibel und können sie sich auf einen andere Art Lern- und Lehrprozess einlassen? Besteht ihrerseits auch die Bereitschaft etwas von Jirga Ältesten zu lernen, die vielleicht Analphabeten sind, aber seit über 30 Jahren Erfahrung mit der Lösung von Konflikten haben? Innerhalb der Untersuchung haben die befragten Jirga-Ältesten bereits die Bereitschaft zum Ausdruck gebracht, etwas Neues zu lernen und auch Außenstehende an ihren Jirgas teilnehmen zu lassen.

 

Vorläufiges Fazit des Interviews

Schon allein die Bereitschaft zu einem Interview mit einer westlichen Mediatorin zeigt da einiges. Bevor diese Offenheit allerdings für einen Lehr- und Lernprozess genützt werden kann muss auf Grund der belasteten Vergangenheit weiteres Vertrauen geschaffen werden.

Soldat in Kabul

Dabei sind sie auf lernbereite Mediator/innen angewiesen, die sie und ihren Kulturkreis respektieren, möglichst ihre Sprache kennen und ihnen das Mediationskonzept ihren Möglichkeiten entsprechend präsentieren können. Bei dieser Arbeit können sowohl die westlichen Mediator/innen, als auch die Jirga- Ältesten voneinander lernen. Dieser Vorgang bietet für beide Seiten großes Potential für gegenseitigen Austausch und Weiterentwicklung.

Auf dieser Grundlage werde ich mich in Kürze nochmals mit einem der Jirgaältesten zu einem gegenseitigen Austausch treffen und bin dabei sehr gespannt auf Möglichkeiten für zukünftige Zusammenarbeit.

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  1. Afghanistan, die Paschtunen und Mediation – Teil 1 | Karin Struck - […] habe und der in Kürze vom Bundesverband Mediation erscheinen wird. Lesen Sie bald hier den zweiten Teil über das Ergebnis…

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